Die sanfte Eingewöhnung

Unter der "Eingewöhnungsphase" versteht man die Zeit des Übergangs von einer familiären zur einer außerfamiliären Betreuung, welche mit gravierenden Veränderungen für Eltern und Kind verbunden ist. Der Trennungsschmerz ist für Kinder mit hohem emotionalen Stress und Gefühlen der Angst, des Verlorenseins und des Verlusts verbunden. Das Wort "Eingewöhnungsphase" vermittelt fälschlicherweise das Gefühl, Kinder könnten (oder sollten) sich an diese Trennung von ihrer ersten Bezugsperson gewöhnen. Vielmehr handelt es sich um eine emotionale Verarbeitung, für welche die Kinder aber die Hilfe der Eltern und Pädagogen benötigen und auch bekommen. Deshalb ist das auch eine Zeit, die für viele Eltern mit Herausforderungen, Verunsicherungen, Ungewissheit und Schuldgefühlen einhergeht - vor allem dann, wenn die ersten Tränen fließen.   

 

Auch nach jedem Urlaub, Krankenstand oder einer intensiven Entwicklungsphase können sich dieser Stress und Ängste beim neuerlichen Start in den Kindergarten melden. In den meisten Fällen, verlangen die Kinder dann ganz von selbst nach dem Buch oder den Liedern, weil sie spüren, dass es ihnen hilft. --> Mehr zur Wirkungsweise des Buches.

 

Die gute Nachricht für alle Eltern ist:  Ja, es ist möglich Kinder "sanft" einzugewöhnen,  sie optimal in der Verarbeitung des Trennungsschmerzes zu unterstützen, damit der Kindergarten zu einem spannenden und lustvollen Ort werden kann.

 

Laut der Studie der Universität Wien erkennt man eine gelungene und sanfte Eingewöhnung an 3 Kriterien:

 

  1. Die Kinder kämpfen in Situationen der Trennung nur in geringem Ausmaß mit negativen Gefühlen und erleben zeitgleich den Kindergarten als angenehm und lustvoll. D.h. sie spielen fröhlich, entdecken ihre Umgebung und forschen sehr rasch, nachdem sie von der /dem PädagogIn nach der Trennung beruhigt wurden.
  2. Die Kinder bringen den Menschen und Gegenständen, die sie in der Einrichtung vorfinden, Interesseentgegen und nehmen konzentriert wahr, beobachten, verstehen und entdecken.
  3. Die Kinder treten mit anderen Kindern und Erwachsenen in einen dynamisch sozialen Austausch - d.h. sie spielen mit anderen Kindern und Erwachsenen.

 

Wie gelingt nun eine sanfte Eingewöhnung in der Praxis?

Wichtig hierbei ist, dass die Gefühle aller Beteiligten berücksichtigt werden - selbstverständlich mit besonderem Augenmerk auf jene der Kinder.  Denn auch die Sorgen und Ängste der Eltern sind ein wesentlicher Faktor, da sich die Kinder an ihren Bezugspersonen orientieren. Daher ist eine gute Vorbereitung auch für die Eltern ein ganz wichtiger Faktor. Wenn sie wissen, was auf sie und ihr Kind zukommt, dann können sie mit positiven Gefühlen in diese Eingewöhnungsphase eintreten, welche auch ihr Kind entspannen wird und es Vertrauen entwickeln kann.

 

Viele pädagogische Einrichtungen orientieren sich an dem Berliner Eingewöhnungsmodell - als ein Grundmodell vom dem ausgehend ganz individuell auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen werden kann.

Am Allerbesten ist es, wenn die Eltern mindestens 2-4 Wochen für die Eingewöhnung einplanen und auch keine besonderen Belastungssituationen (z.B. Umzug, Geburt eines Geschwisterkindes) in diese Zeit legen.

 

Dem Berliner Eingwöhnungsmodell liegt die sogenannte Bindungstheorie nach John Bowlby zu Grunde, welche besagt, dass der Kern einer gelungenen Eingewöhnung in dem Aufbau einer "sicheren Bindung" zu der neuen Beziehungsperson, der/dem PädagogIn liegt.  D.h. dass das Kind diese/n PädagogIn als "sicheren Hafen" sieht und Vertrauen zu ihr/ihm aufgebaut hat. Das kann nur mit Hilfe der Bezugsperson (Mama oder Papa) geschehen, die dem Kind signalisieren "Er/Sie ist ok!".  In den ersten 3 Tagen kommen Mama (oder Papa) und Kind jeweils für ein paar Stunden gemeinsam in den Kindergarten. Das Wesentliche dabei ist, dass Mama (oder Papa) der "sichere Hafen" ist, den das Kind gut sehen und jederzeit dorthin zurückkehren kann. Am Besten ist es, wenn sich Mama/Papa selbst im Kindergarten einfach wohl fühlen  und auch ein gutes Gefühl für die/den PädagogIn entwickelt haben. Daran kann sich das Kind orientieren und so die Welt im Kindergarten entdecken.

 

Selbstverständlich hat jeder Kindergarten seine individuelle Vorgehensweise, die dann in der Praxis sehr an das Kind angepasst wird. Ein Weg kann sein, dass die Mutter / Vater von Anfang an passiv sind und das Kind den Kindergarten auf eigenen Faust entdeckt. Ein anderer Weg kann sein, dass Mama/Papa (am ersten Tag) den Kindergarten gemeinsam mit dem Kind entdeckt, große Freude ausstrahlt und erst in den darauffolgenden Tagen immer passiver wird (z.B. ein Buch liest). So kann das Kind alleine auf Entdeckungsreise gehen und eine emotionale Bindung zur/m PädagogIn aufzubauen, die vorsichtig über Spielangebote Kontakt aufnimmt. Bei Kleinkindern übernimmt nach wie vor die Mutter die Pflegeroutine.

Konnte die/der PädagogIn in diesen 3 Tagen bereits einen guten Kontakt mit dem Kind aufbauen, kann am 4. Tag ein erster Trennungsversuch gestartet werden, indem die Mama kurz den Gruppenraum verlässt, nachdem sie sich von ihrem Kind verabschiedet hat.

Diese Trennung kann 2-3 Minuten oder 30 Minuten betragen. Die Mutter/der Vater sind abrufbereit, damit sie/er zurückgeholt werden kann, je nachdem ob sich das Kind gut trösten lässt.

 

Bei kleineren Kindern übernimmt die/der PädagogIn im Beisein der Mutter (oder des Vaters) ab dem 5. Tag das Füttern, Wickeln, etc. Die Trennungszeiten können je nach dem Bedürfnis des Kindes verlängert werden. Ob das Kind auch schon im Kindergarten schlafen kann, obliegt jeweils der mit der/dem PädagogIn aufgebauten Bindungsqualität.

 

Die/Der PädagogIn wird die Geschwindigkeit und die Abläufe aufgrund ihrer Erfahrungen und Beobachtungen des Kindes abstimmen und mit den Eltern darüber Rücksprache halten. Das gibt Sicherheit und ein gutes Gefühl. Beispielsweise kann es Sinn machen einen erneuten Trennungsversuch erst wieder nach dem 7. Tag zu starten, um dem Kind Zeit zu geben und die Bindung zu/r PädagogIn zu stärken. Wichtig ist, dass das Kind in den ersten Wochen den Kindergarten nur halbtags besucht.

 

Was hilft schon im Vorfeld einer sanften Eingewöhnung:

  • Kinder, die bereits Erfahrungen mit Fremdbetreuung gemacht haben (z.B. Oma, Tante, etc.), können diese Übergangsphase rascher bewältigen.
  • Ausführliche Informationen (möglichst in schriftlicher Form) helfen dem/der PädagogIn sehr:  Besondere Vorlieben des Kindes für Spielzeug, Essen; Welche Worte verwendet das Kind für welche Gegenständlichkeiten - z.B. wie nennt es seinen Schnuller, wie teilt es mit, dass es Durst/Hunger hat; Einschlafgewohnheiten, besondere Bedürfnisse und natürlich Allergien.
  • Ein Übergangsobjekt (z.B. Lieblingsteddy, Schmusedecke, etc.), das die Kinder in den Kindergarten mitnehmen, hilft zu beruhigen.
  • Ein Gegenstand der nach Mama oder Papa riecht, hilft den Kleinsten besonders beim Einschlafen.
  • In den ersten Tagen kann die Mama (oder der Papa) die Gepflogenheiten im Kindergarten beobachten undmitmachen (z.B. Wann/Wo Schuhe ausziehen, Umgang mit Spielsachen, etc.). Das hilft dem Kind sich später gut in die Gruppe einzufügen.
  • Die telefonische Erreichbarkeit der Mutter / des Vaters ist sehr wichtig, um für Notfälle erreichbar zu sein.
  • Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Kindergarten über ein Buch und Musik, wie z.B. mit dem kleinen Streifi ermöglicht dem Kind schnell Vertrauen aufzubauen und sich wohl zu fühlen. Besonders dann, wenn das Buch die emotionalen Prozess mitberücksichtigt, Spielideen und Anker gesetzt werden, die in diese Übergangsphase begleiten (siehe Wirkungsweise des kleinen Streifi)
  • Eine Kindergartentasche, die gemeinsam gekauft wird und in der alle wichtigen Utensilien (u.a. der Teddy) verstaut werden können, macht Lust auf den Kindergarten.

 

Quellen:

Wie Eingewöhnung an Qualität gewinnen kann. Ein Wiener Projekt zur Entwicklung von standortbezogenen Konzepten der Eingewöhnung von Kleinkindern in Kinderkrippen und Kindergärten (Maria Fürstaller, Antonia Funder & Wilfried Datler 2012)

Wenn Tränen versiegen, doch Kummer bleibt. Über die Krieterien gelungener Eingewöhnung in die Kinderkrippe (Maria Fürstaller, Antonia Funder & Wilfried Datler 2012)

Das Berliner Eingewöhnungsmodell - Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung (Katja Braukhane & Janina Knobeloch, KiTaFachtexte 2011)

www.sicherebindung.at  (Mag. Theresia Herbst)

Romana Ackumey

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